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Juwel der Chormusik

Monteverdi Marienvesper
Datum:
23. Nov. 2025

Claudio Monteverdis „Marienvesper“ erklingt in der Schlosskirche

Man darf es wohl als das Konzertereignis des Jahres in der Schlosskirche bezeichnen: Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“, die 400 Jahre alte und doch so junge „Marienvesper“, dem Marienverehrer Papst Paul V. gewidmet. Dieses 1610 uraufgeführte Stimmentheater enthält alles, was die Musik des frühen 17. Jahrhunderts an Solostimmen, instrumentaler Virtuosität und feierlichem Chorgesang zu bieten hatte und lotet die Möglichkeiten von Effekten und Affekten in der Musik völlig neu aus.

13 Sätze umfasst das gut eineinhalbstündige Lob der Gottesmutter: den Introitus, fünf Psalmen, vier geistliche Konzerte für Solostimmen, eine Sonate, einen Hymnus und ein Magnificat. Allein schon die Aufzählung der enthaltenen Teile und Besetzungen zeigt, dass es sich um ein äußerst vielschichtiges Werk handelt, das für alle Protagonisten eine Herausforderung darstellt.

Eine Herausforderung, die Regionalkantor Sebastian Ruf mit seinem Kammerchor, dem renommierten Barockorchester „L'arpa festante“ aus München und großartigen Solisten mit Bravour meisterte. In jeder Phase hochkonzentriert und sicher, verstand es der Dirigent, die Sänger und Instrumentalisten durch die komplexe Partitur von Monteverdis Meisterwerk zu führen, sodass eine bis zum Schluss spannende, mitreißende Interpretation gelang.

Bereits der einleitende Gebetsausruf des Tenors (Lars Tappert), die „Intonatio“ aus dem Psalm 69 und die darauffolgende festliche Ouvertüre mit ihren quirligen, virtuos instrumentalen Fanfarenmotiven, die sich im Eröffnungsstück „Domine ad adiuvandum“ über den statischen Rezitationsblöcken des Chores erheben, zog die Zuhörer in ihren Bann. Und mit der ersten Psalmvertonung - „Dixit Dominus“ - zeigte sich die dynamische Variabilität Monteverdis: Chorstücke wechseln in rascher Folge mit solistischen Einwürfen, sodass bereits in diesem ersten Teil fast sämtliche Solisten ihren ersten Einsatz erhielten.

Hier wie in allen anderen Teilen der „Marienvesper“ bestach der Kammerchor mit Klangschönheit und Homogenität der Stimmen, begleitet von dem fantastisch musizierenden Orchester, das mit seinem riesigen Erfahrungsschatz und nuancenreichen Klangfarben die perfekte Ergänzung bildete.

Im ersten, von der Theorbe begleiteten Concerto „Nigra sum“, vertont Monteverdi einen Text aus dem Hohen Lied Salomos für Tenor solo und Generalbassbegleitung, für den Tenor Lars Tappert die Gelegenheit, seine versierte Ausdruckskultur und stimmliche Bandbreite unter Beweis zu stellen. Mit der zweiten Psalmvertonung - „Laudate pueri Dominum“ führte sich das Sopran-Duo (Yuka Koroyasu und Josephine Oeß) bestens ein und auch die Koloratur – Virtuosität des nachfolgenden Concertos „Pulchra es“, das die Schönheit Mariens besingt, erklang strahlend und in präzisem Zusammenklang beider Sängerinnen.

In der Vertonung von Psalm 122 „Laetatus sum“, in welcher sich auch die beiden Tenöre Lars Tappert und der sehr kurzfristig eingesprungene Thomas Kiechle sowie der Bass Niklas Mallmann mit hoher Stimmkultur auszeichneten, war zu erleben, wie Sebastian Ruf Chor und Orchester zu äußerstem Temperament animierte.

Eitel Wohlklang war von den beiden Tenören und dem Bass im Concerto „Duo Seraphim“ zu vernehmen, dem Lobgesang der drei Engel, die vorne rechts und links von der Empore herab sangen – eine sehr gute Idee, die der Intention Monteverdis entgegenkam.

Von den zahlreichen eindrücklichen Momenten muss besonders die für zwei fünfstimmige Chöre angelegte Vertonung des 127. Psalms „Nisi Dominus“ hervorgehoben werden, kongenial musiziert von Chor und Orchester, wobei die beiden Posaunen vorne rechts und links von der Empore herab musizierten. Hier verwendet Monteverdi die Form der „cori spezzati“, der sich abwechselnden Chöre. Von tänzerischen Elementen bis hin zu breitem Legato lässt dieses komplexe Stück keine Wünsche offen.  

Das vierte Concerto „Audi coelum“ lebt vom Wechselspiel zwischen den beiden Tenorsolisten, virtuose Koloraturen einerseits und lateinische Wortspiele im Echo andererseits, makellos präsentiert von Lars Tappert und Thomas Kiechle.

Im Hymnus „Ave Maria Stella“ erfolgt die Marienpreisung in reicher dynamischer Ausgestaltung: Solistische Verse in raschem Zeitmaß wechseln mit instrumentalen Ritornellen, die einen Ruhepunkt bilden und den Zuhörern Zeit zur Kontemplation geben.

Mit dem abschließenden Magnificat „zieht“ Monteverdi nochmals alle „Register“ seiner interpretatorischen Meisterschaft, indem er den Text des Lukas – Evangeliums derart vielgestaltig und abwechslungsreich ausdeutet, dass sich alle Solisten, Chor und Orchester zu einem gemeinsamen Lobgesang steigerten.

So endete eine phänomenale  Aufführung unter der versierten Leitung von Sebastian Ruf - mit einem klangschön und sicher singenden Kammerchor und einem Instrumentalensemble, das auf seinen historischen, spieltechnisch höchst anspruchsvollen Insrumenten dieser meisterhaft gelungenen Aufführung ihr charakteristisches historisches – und doch auch zeittypisch modernes – Klangbild verliehen.

Ein wahrhaft erfüllender Konzertabend, der den begeistert applaudierenden Zuhörern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Rosi Ertl