Die Festspielmatineen in der Bayreuther Schlosskirche

Schuke-Orgel der Schlosskirche

Matineen in der Festspielzeit – der Titel klingt harmlos, auch selbstverständlich, aber selbstverständlich ist hier gar nichts.

Die Schlosskirchenmusik, wie die vom Verein Schlosskirchenmusik e.V. mitermöglichte Institution an der Schlosskirche in Bayreuth heißt, die gleich gegenüber dem Markgräflichen Opernhaus an der ehemaligen Stadtmauer über der Opernstraße und den Schlossterrassen thront, bietet auch im Festspielsommer 2026 den Besucherinnen und Besuchern aus Bayreuth und weiterer Umgebung ein Programm, das sich orgelmäßig gleichsam gewaschen hat. Nicht erst am 25 Juli, dem Eröffnungstag der Festspiele, beginnend, hat der Schlosskirchenkantor Sebastian Ruf, selbst ein exzellenter Organist und Kirchenmusiker, eine aus nicht weniger als neun Teilen bestehende Reihe zusammengestellt, in der das meist Unbekannte neben dem wenigen Bekannten steht – und wer kennt schon, Hand aufs Herz, die „bekannten“ Werke der Orgelliteratur aller Zeiten und Länder? Wer sich informieren will, hat die Möglichkeit, im kanonischen Reclam-Orgelmusikführer des in Bayreuth gelebt und gewirkt habenden und jüngst in hohem Alter verstorbenen Musikers und Organisten Viktor Lukas das eine oder andere jener Stücke nachzuschlagen, die Samstagmittag zwischen 12 und ca. 12 Uhr 40 an der 1991 gebauten Schuke-Orgel der Schlosskirche erklingen. Auf ihr können fast alle Werke der klassischen und modernen Orgelliteratur optimal realisiert werden – vorausgesetzt, dass am Spieltisch Kapazitäten sitzen, die wissen, was das heißt: Instrumentation.

Bach ist übrigens immer dabei, also die Musik des Urvaters der deutschen Kirchenmusik, vergessen wir einmal einen Moment lang den großen Heinrich Schütz, dessen Wirkung auf die nachfolgenden Generationen indes weniger tiefgreifend war, der auch keine Orgelwerke hinterließ. Daher taucht sein Name auch nicht bei Lukas (dem Bayreuther, nicht dem Evangelisten) auf. Erscheint dort die Fantasie BWV 573, die von Christoph Preiß, einem blutjungen und hochbegabten Musiker aus Leipzig, gespielt wurde? Sie wird dort nicht genannt, weil sie ein Fragment von nur 13 Takten ist. In Bayreuth ergänzt Preiß, als Höhepunkt seines Programms, in einer Improvisation die Fuge und lässt ihr eine improvisierte Tripelfuge folgen. Eine improvisierte Tripelfuge! Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich… wenn Preiß die Fuge nicht „schulgerecht“, sondern dramaturgisch anlegt, also kleine Pausenblöcke einschiebt, die die Fuge unterbrechen, aber das Stück, ganz in Bachschem Sinn, harmonisch und dramatisch zielgerecht zum Schlussakkord bringen.

Ebenso überraschend war, an Intensität vergleichbar, das Finale, das die junge, aus Stuttgart angereiste Lydia Schimmer ihrem Programm verlieh: von Bach (den köstlichen Pièce d’orgue BWV 572, einer Fantasie in G-Dur, die in unmittelbarer Nähe zum Fragment BWV 573 steht) zu Jeanne Demessieux’ Te Deum op. 11. Jeanne Wer? Es ist immer wieder beglückend, in Live-Konzerten Stücke und ihre Komponisten oder Komponistinnen kennenzulernen, die einem als Musikliebhaber bislang unbegreiflicherweise entgangen sind. Jeanne Demessieux ist so eine herausragende Gestalt: Geboren 1921, wurde sie mit nur 12 Jahren Titularorganistin an der Pariser Kirche St. Esprit. Sie erhielt Privatunterricht bei Marcel Dupré, bevor sie, um es kurz zu machen, 1946 bis 1948 mit einer 12teiligen Konzertreihe in der Salle Pleyel ihren Ruhm begründete. „Demessieux spielte“, lesen wir in der bekannten Internet-Enzyklopädie, „mehr als 700 Konzerte in ganz Europa und unternahm drei Konzerttourneen durch die USA. Ihr aktives Repertoire umfasste mehr als 2.500 Werke, die sie auswendig beherrschte, darunter sämtliche Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, César Franck, die großen Orgelwerke von Franz Liszt und Felix Mendelssohn-Bartholdy, sowie alle bis 1945 entstandenen Orgelwerke von Mrcekl Dupré. Außerdem spielte Demessieux zahlreiche Schallplatten ein, einschließlich der Weltersteinspielung der gesamten Orgelwerke von César Franck, die 1961 mit dem Grand Prix du Disque ausgezeichnet wurde.“ Ab 1962 saß sie als Titularorganistin an der Orgelbank der berühmten Madeleine, sie lehrte international, sie komponierte viele Werke, auch sollte sie Olivier Messiaens gesamtes Orgelwerk einspielen – als sie mit nur 47 Jahren das Zeitliche segnete.

 
Und eine derartige Frau war zumindest dem Autor dieser Zeilen bislang unbekannt! Dies natürlich auch, weil er Viktor Lukas’ Standardwerk nicht auswendig kennt, in dem das Te Deum und seine Schöpferin („eine bekannte Konzertorganistin“) kurz gewürdigt werden: „ein in Teilen toccatisches, harmonisch sehr angereichertes großes Orgelstück“. Ita est! Das Stück überrascht durch einen Zugriff, den man in seiner Verflochtenheit von „Weltlichem“ und „Geistlichem“ nur spannend finden und als „typisch französisch“ charakterisieren könnte. Mit einem Wort: Eine hinreißende Entdeckung, hinreißend interpretiert.

Natürlich kann man sich das alles, in verschiedensten Aufführungen, auf Youtube oder auf CD anhören, aber Live bleibt, man kann es nicht oft genug wiederholen, Live. Ebenso überraschend und erfreulich klingen, mit Schimmer an der Schuke-Orgel, Regers Scherzo op. 65/10 und mit Preiß dessen gewaltige Introduktion und Passacaglia f-Moll aus op. 65. Preiß’ Programm trägt den Titel Per aspera ad astra, in dessen Mitte, zwischen Regers f-Moll und Bachs C-Dur, Schuberts Impromptu as-Moll op. 90/4 steht. Ein Schubert-Klavierstück an der Orgel, funktioniert das? Es funktioniert sehr gut, denn dank Preiß’ ingeniöser Registriertechnik klingt der „Einfall“ in den flirrenden Passagen wie reinste Elfenmusik.

Gut also, dass es die Matineen in der Festspielzeit 2026 gibt, die uns mit hervorragenden, vergessenen und neugehörten Werken – und mit einigen jungen Musikerinnen und Musikern bekannt machen, die mit ihrem anspruchsvollen Hand- und Fußwerk die schönste Kunst produzieren.

Dass der Eintritt stets frei ist: Auch das sollte nicht verschwiegen werden. Wie gesagt: Nichts ist selbstverständlich.

Frank Piontek

https://www.kulturbrief.de/hinreissende-entdeckungen-hinreissend-interpretiert/

Schuke-Orgel der Schlosskirche